Abenteuer im Tal der wilden Pferde PDF Print E-mail
Auf Araber-Berber-Pferden en durch das Küstengebirge hinter der türkischen Riviera
Von Susanne Lorenz-Munkler

yaylatour-2010-1Wer kennt sie nicht? Die wilden Pferde der Camargue, der Maremma, die Dülmener Wildpferde, die Exmoorponies... .Wer aber kennt die wilden Pferde der Türkei? Sie leben unweit der türkischen Riviera, der Touristenhochburg Manavgat im Gebirge: im „Enif Yayala“, im Tal der wilden Pferde. Doch niemand schenkt ihnen Beachtung. Denn in der Türkei ist jede Ziege und jedes Schaf mehr wert als ein Pferd. Ausgerechnet eine Deutsche, Beate Deniz, hat dieses Tal entdeckt und führt Touristen auf ihren kleinen Araber-Berber Hengsten dorthin.

Sie sehen aus, wie wir sie uns immer vorgestellt haben, als wir als Mädchen die Fotoromane von „Wendy“ verschlungen haben. Glänzendes Fell, wilde Mähne, klein und drahtig. Nur etwa 300 Meter von uns entfernt grasen Schimmel, Rappen, Falben und Albinos, eine kleine Herde mit hochträchtigen Stuten, Jährlingen und kleinen Fohlen. Und ein weißer Hengst, der uns  äußerst wachsam fixiert. Uns Reitern bleibt keine Zeit zum Staunen. Acil, mein Reithengst, beginnt zu beben, als wir auf die Gruppe zureiten. Ich spüre seinen Herzschlag förmlich durch den Sattel. Er wiehert..... wie? Drohend? Lockend? Begrüßend? Der weiße, wilde Hengst jetzt nicht mehr weit von uns entfernt, treibt seine Stuten an. "Acil, bei mir bleiben! Dadas und Yildiz da lang!", unterbricht eine menschliche Stimme jäh diese irreale Szene. Mustafa, unser türkischer Guide, treibt seinen Wallach an und galoppiert auf die Gruppe zu. Eine wilde Jagd beginnt.

Das weite Gebirgstal zwischen den Dörfern Baslar, Ormana und Ibradi erinnert an ein Tal in Kanada. Zwischen den dicht bewaldeten Bergrücken auf einem fruchtbaren grünen Talboden, der von einem Bach durschnitten wird, weiden Rinder- Ziegen- und Schafherden.... Bei genauerem Hinsehen sieht man auch immer wieder vereinzelt Pferde. In kleinen Grüppchen mischen sie sich unter die schwarz-bunten und braunen Rinder. Rund 250 Stuten mit ihren Fohlen sind es in diesem Jahr, meint unsere Tour-Operator Beate, die sechs Mal im Jahr einen Reit-Trail  hierher organisiert. Im Frühsommer, wenn die Temperaturen noch angenehm sind und im Herbst, wenn die Heuschreckenplage vorbei ist. Seit dreizehn Jahren lebt die 43-jährige Frau schon im Hinterland der türkischen Südküste. Hier hat sie nicht nur ihren Mann Mustafa gefunden, sondern auch ihren Lebenstraum verwirklicht: Ihre kleine Ranch, von der aus sie Wanderritte in das phantastisch schöne wilde Küstengebirge organisiert.

Wie Cowboys in alten Western galoppieren wir hin und her auf der Jagd nach den Wildpferden. Oder besser gesagt auf der Jagd nach dem geeigneten Fotomotiv und dem einzigartigen Erlebnis: der Nähe zu diesen faszinierenden Geschöpfen, die noch nie eine Menschenhand berührt hat. Die vielen kleinen Pferdeherden zerstreuen sich, Hengste treiben ihre Stuten wieder zusammen und führen sie in die Wälder, die das Tal säumen. Dazwischen entdecken wir auch immer wieder wilde Maultiere, die sich den Herden angeschlossen haben. Das ganze Tal ist in Aufruhr. Einzig die Rinder sehen keinen Grund zur Flucht und blicken uns nur träge nach. Acil wiehert herzerschütternd, schreit, wird immer nervöser und will sich kaum noch parieren lassen. Am liebsten würde er wohl ohne den lästigen Menschen auf seinem Rücken den wilden Artgenossen folgen.

yaylatour-2010-2Acil ist kaum größer als ein Pony, hat die abfallende Kruppe und die typische Kopfform des Berbers. Das Temperament aber hat er vom Araber. Was dieser „Rahvan“   tatsächlich kann, weiß nur, wer ihn geritten hat. Rahvans - die einzige Pferderasse die aus der Türken  stammt - wurden schon zu Zeiten der Seldschuken und später auch der Osmanen  rings um den Beysehir See für die Kriegsfeldzüge gezüchtet. Sie waren bequeme Pass- und Töltpferde, robust und trittsicher wie Bergziegen, temperamentvoll und ausdauernd.

Natürlich kann diese Jagd nicht ewig andauern und auch wenn unsere Pferde keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigen. Irgendwann treten wir den Rückweg in unser Zeltlager an. Hier  pflocken wir die Tiere in gebührendem Abstand voneinander an. Acil steht gemeinsam mit Mustafas Wallach Pamuk etwas entfernt von den anderen Pferden und unseren Zelten. Schon bald wissen wir warum: Ein weißer Hengst löst sich aus der in einiger Entfernung grasenden wilden Herde und kommt angaloppiert. Drohend baut er sich vor Acil auf, schnaubt, stampft und macht sich dann mit wehender weiß-grauer Mähne auf den Rückweg. Die Situation ist so surreal, dass wir sie kaum begreifen können.

Beate erklärt uns die Szene, während wir am abendlichen Lagerfeuer das von Mustafa geschossene Kaninchen im Tontopf kochen. Vor zwei Jahren hat sich Acil genau an diesem Platz aus losgerissen und das Weite gesucht.... Noch heute zeugen weiße Narben in seinem braunen Fell vom der Lektion, die ihm der wilde Hengst erteilt hat, der uns aus der Ferne noch immer aufmerksam beobachtet. Im Laufe des Abends finden einige Schäfer und Ziegenhirten zu uns ans Feuer, um mit Mustafa zu plaudern. Wir Frauen bleiben nach Landessitte getrennt von den Männern auf unserer eigenen Decke und geniessen das köstliche Essen.

Zwei Tage  lang leben wir hier zwischen Rindern, Ziegen, Schafen, den Hirten und ihren Hunden und diesen wilden Pferden. Wir stöbern mit unseren Rahvans deren Herden auf, umzingeln sie vorsichtig und freuen uns am Anblick der prächtigen Hengste, der trächtigen Stuten mit ihren Fohlen. Keiner der türkischen Dorfbewohner am Tal-Ende kam je auf die Idee, sich ein Pferd einzufangen und es zu reiten, erzählt Beate. Für die schweren Acker- und Forstarbeiten der Bauern hier seien die kleinen drahtigen Tiere  nicht zu gebrauchen. Gelegentlich aber würden die Dorfbewohner aber  Pferde erschießen, wenn sie in eines der wenigen mit Weidenzäunen eingegrenzten Getreidefelder einbrechen. Denn das fruchtbare Hochtal auf über 1300 m wird von vielen Menschen bewirtschaftet, die Erträge sind entsprechend gering.  Die einen betreiben ein bisschen Ackerbau, die anderen und treiben im Frühjahr ihre Rinder, Schafe und Ziegen zur Sommerweide herauf. Ende Juni aber werden die Tiere in die Dörfer zurückgeholt. Dann fallen die Heuschrecken ein. Die Wildpferde ziehen sich dann irgendwo in die Berge zurück.

yaylatour-2010-3Auf einem unserer morgendlichen Ausritte treffen wir den 73-jährigen Mehmed Temel, der mit seiner neuen Geschäftsidee spazieren geht. 800 zwei Monate alte Truthähne tippeln aufgeregt hinter dem alten Mann her und bereiten sich auf ihre neue Aufgabe vor. Sie sollen bald einer der zehn biblischen Plagen zu Leibe rücken und die Tausende von Heuschrecken verspeisen, die in wenigen Wochen hier alles kahl fressen. Und später sollen sie dann leckere Schnitzel liefern. Vom Dorf am anderen Ende des Tals indes rückt man den lästigen Insekten dagegen weiterhin mit Gift zu Leibe. „Ein Paradebeispiel dafür, wie die Türkei funktioniert“ meint Beate und schmunzelt: „Ein Land voller Widersprüche“
Schweren Herzens verlassen wir nach zwei Tagen das paradiesische Hochtal, um zu Beates Ranch zurückzureiten. Wie schon beim Hinweg führt die Route über historische Pfade. Es sind die Zubringerwege zur alten Seidenstraße, die von Beysehir nach Tasagil führte und die kürzeste Verbindung zwischen der Riviera und Anatolien war. Dieser teilweise sehr beschwerliche Weg über Bergpässe wurde früher auch benutzt, um mit Kamelkarawanen Salz von Konya nach Antalya zu befördern. Auch Mustafas Vorfahren waren hier noch mit Salz unterwegs, erzählt er mit geschwellter Brust. Mustafa, der diesen wilden Landstrich kennt wie seine Hosentaschen,  aber nicht sein eigenes Alter.

Nur rund 100 Kilometer Luftlinie entfernt von der modernen Touristenhochburg Antalya, wo auf  600 000 Türken rund 5 Millionen Urlauber kommen, sind wir hier fernab jeglicher Zivilisation und treffen am Wegesrand Menschen wie Tatja und Ahmed Yildiz, die, seit sie denken können, die Sommer mit ihren Ziegen und Hirtenhunden hier oben in den Bergen verbringen. Vom Fleisch, dem Käse und der Milch können sie und ihr Sohn Hussein im Sommer gut leben. Und vom späteren Verkauf des Ziegenkäses im Tal. Sie freuen sich über unseren Besuch und laden uns zum Essen ein - mitten auf der Wiese, im Schatten einer knorrigen Pinie, auf einem großen bunten Tuch. Wir genießen den frischen Ziegenkäse mit Oliven und das hauchdünne Fladenbrot, das Yufka heißt und das man herrlich in den frischen Ziegenjoghurt tauchen kann.

Die letzte Nacht verbringen wir in den Ruinen einer alten Karawanserei aus dem 13. Jahrhundert, die einst als Herberge für reisende Kaufleute an der Handelsroute zwischen Antalya und Koya gebaut wurde. Die Handelskarawanen fanden hier Schutz vor Überfällen, verstauten ihre Ware und versorgten die Tiere. Zwischen den dicken Mauerresten und einem kleinen Bachlauf satteln wir die Pferde ab und pflocken sie an, bauen unsere Zelte auf und genießen die Aura dieses „Garten Eden“. Bis uns ein greller Schrei aus unseren Tagträumen reißt. Aus dem Gebüsch bricht ein freilaufender Hengst hervor und stürzt sich auf Mustafas Wallach Pamuk. Für wenige Sekunden sehen wir nur noch wie verrückt um sich schlagende, schreiende Pferde und den Stock von Mustafa, der irgendwo dazwischen stehen muss. Und plötzlich löst sich das Knäuel auf. Unser osmanischer Cowboy hat dem Eindringling einen Strick um den Hals geworfen und bindet das tobende und wild um sich schlagende Tier weit weg von uns an einem Baum an. Gäbe es eine türkische Ausgabe von „Wendy“, so wäre Mustafa jetzt garantiert der Held von „Enif Yayala“, dem Tal der wilden Pferde und wir würden uns abgrundtief in ihn verlieben.

Infos:

yaylatour-2010-4Der „Wildpferdertail“ wird angeboten von Pegasus Reiterreisen, Herrenweg 60 CH - 4123 Alschwill, www.reiterreisen.com., Teilnehmen können Reiter mit hinlänglich Geländeerfahrung, die in allen Gangarten sattelfest sind. Die relativ preisgünstige Reise (680 Euro ohne Flug, Übernachtung vorwiegend im Zelt) richtet sich an abenteuerlustige Reiter, die bereit sind, für fantastische Naturerlebnisse auf Komfort zu verzichten. Die Pferde, Araber-Berber-.Mischungen haben Gangveranlagung und kleines Stockmaß. Für große und schwergewichtige Reiter sind sie ungeeignet.